»Es ist nicht normal, Jude in Berlin zu sein«

»Es ist nicht normal, Jude in Berlin zu sein«

»Es gibt keine Demonstration gegen Antisemitismus. Also die Zivilgesellschaft reagiert nicht.«

ZEITPUNKT-MAGAZIN»Ihr werdet alle in den Gaskammern landen!« Mit diesen Worten hat im Dezember ein Deutscher den Israeli Yorai Feinberg vor dessen Restaurant in Berlin-Schöneberg angegriffen. Auch bei Protesten gegen die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem wurden Juden beschimpft. Antisemitismus ist ein reales Problem in der Hauptstadt, doch es ist nicht so einfach, ihn systematisch zu erfassen und dagegen vorzugehen, wie Inforadio-Reporterin Frankziska Hoppen herausgefunden hat.  

Ihre Freunde wollen weg aus Berlin. Sie haben Angst. Das sagt die jüdische Schauspielerin Adriana Altaras Inforadio im vergangenen Dezember - als die Proteste gegen Trump und Israel besonders laut sind. Wir diskutieren in der Redaktion. Hat der Antisemitismus in Berlin zugenommen? Wollen deswegen mehr Juden wegziehen?

Es ist schwierig, Gesprächspartner zu finden. Die Presse heize die Stimmung an, heißt es mehrfach am Telefon. Berichte über die »armen Juden« - in der Vergangenheit habe das nur zu Feindseligkeit geführt. Vorwürfe wie »Opferrolle« und »Übertreibung« sind schnell bei der Hand.

Mehr Erfolg bringt die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Deren Gründer Benjamin Steinitz sagt: »In einer Situation in der Antisemitismus von der nicht jüdischen Mehrheitsgesellschaft als kein richtiges Problem beschrieben wird, in der Antisemitismus zumindest öffentlich sanktioniert ist und stark tabuisiert, warum sollte ich mich als Jude hinstellen und sagen, ich bin Opfer von Antisemitismus geworden?«

Das erklärt, warum es kaum Zahlen gibt. Laut Polizeistatistik gab es in Berlin im vergangenen Jahr 228 Fälle von antisemitischer Gewalt. Die Mehrheit davon rechtspolitisch motiviert. Einen realistischen Überblick verschafft die Statistik aber nicht, sagt Steinitz. Denn: »Dafür müssen Leute die Anzeige machen, dafür muss das antisemitische Motiv von den Beamten erkannt werden, also das sind ziemlich viele Hürden, bis so ein Vorfall dann in der Statistik Einzug hält. Wir werden nie das Phänomen Antisemitismus adäquat in Zahlen abbilden können.«

2015 gründete Steinitz deshalb die Berliner Recherche-und Informationsstelle Antisemitismus, kurz RIAS. Sie hat das Berlinweite Melde-Netzwerk report-antisemitism.de aufgebaut, auf der Menschen zum Beispiel Beleidigungen, Sachbeschädigungen oder körperliche Gewalt melden können - Erlebnisse, die sonst durch die Statistik fallen, weil etwa Beweismaterial fehlt. Ein Auszug:

4. März, 2016. Tempelhof-Schöneberg. Kategorie: Antisemitische Beschimpfung und Angriff mit einer Glasflasche. Am 4. März wurde ein 75 Jahre alter Rentner abends am U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz als «Judensau« beschimpft. Der 27 jährige Täter zeigte den Hitlergruß und schlug dem Betroffenen mit einer Glasflasche gegen den Kopf. Dieser wurde glücklicherweise nur leicht verletzt.

15. Oktober, 2016. Berlin Mitte. Kategorie: Beschimpfung in U-Bahn: Am 15. Oktober beschimpfte eine Passagierin am Oranienburger Tor den U-Bahnfahrer einer defekten U6 als «du scheiß Judenschwein«. Die anderen Passagiere schauten höchstens irritiert.

Sind diese Beschwerden also mehr geworden? Laut Steinitz lässt sich das nicht belegen. Stattdessen sagt er: Antisemitismus sei in der deutschen Gesellschaft eine Konstante. Er fände lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen: »Antisemitismus verändert sich seit 2000 Jahren fortwährend. Er ist Teil der europäischen und insbesondere der deutschen Kulturgeschichte. Der christlichen Kulturgeschichte, der Geschichte des modernen Nationalstaats, des Kapitalismus – immer spielten auch die Anfeindungen, die Stigmatisierung, der Stereotypisierung der jüdischen Gesellschaft eine Rolle.«

Nächster Anlaufpunkt: die jüdische Gemeinde zu Berlin. Sigismund Königsberg ist ihr Antisemitismusbeauftragter. Zu ihm kommen Menschen, die persönliche Anfeindungen verarbeiten müssen. Königsberg sagt, es sei vor allem die erstarkende Rechte, so wie die AfD, die Antisemitismus salonfähiger mache, etwa mit ihrer Kritik am so genannten »Schuldkult«. Aber auch die Verbalattacken von muslimischen Bürgern nehmen zu - dort werden Israelkritik und Judentum permanent vermischt. Was Königsberg aber vor allem Sorge bereitet:

»Es gibt keine Demonstration gegen Antisemitismus. Also die Zivilgesellschaft reagiert nicht. Und das ist etwas, das mich enttäuscht und auch erschreckt. Die Zivilgesellschaft nimmt es hin, dass Menschen aufgrund ihrer Religion einfach so diskriminiert werden.«

Königsberg beobachtet, dass es für Juden zunehmend schwierig wird, ihre Identität auszuleben - nicht nur aus Angst vor Angriffen. Auch davor, dass alle wegschauen und keiner hilft: »Unbefangen ausleben ist seit Jahren nicht mehr drin. Kaum einer wird mit einer Kippa in die U-Bahn steigen, meistens zieht man dann ein Baseballcap auf. Oder auch eine Kette mit dem Davidsstern – der wird dann unter dem Pullover getragen.«

Wie sieht das bei jungen Juden in Berlin aus? Mike Samuel Delberg ist Vizepräsident der jüdischen Studierendenunion Deutschland. Sie vertritt 25.000 Juden in Deutschland. Dass Juden die Stadt aus Angst verlassen wollen, kann auch Delberg nicht bestätigen. Aber: »Es ist nicht normal, Jude in Berlin zu sein. Und zu diesem Punkt müssen wir kommen. In dem Moment, wo wir keine Schleusen mit schusssicherem Glas vor unseren Gemeindeeinrichtungen haben und in dem Moment, wo man sich nicht umdreht, weil man einen Juden gesehen hat. Dann erst wird das Judentum normal in Berlin sein.«

Wie kann diese Normalität erreicht werden? Hilft der Antrag, den die Fraktionen von CDU/CSU und SPD in den Bundestag einbringen? Antisemitismus soll entschlossen bekämpft werden, heißt es in der Überschrift. Delberg begrüßt das. Ein Thema ist ihm besonders wichtig: »Erst einmal gibt es eine ganz konkrete Forderung von der jüdischen Gemeinschaft an die Politik: die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten. Antisemitismus ist keine Unterform des Rassismus sondern ein eigenes Phänomen, das auch angegangen werden muss. Dafür braucht es eine zuständige Person sowohl im Bund als auch in den Ländern und größeren Städten.«
(Quelle: inforadio des rbb)

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