Manzoni – „Achrome“, aber gar nicht farblos - Frankfurter Städel zeigt erste umfassende Werkschau in Deutschland

Manzoni – „Achrome“, aber gar nicht farblos - Frankfurter Städel zeigt erste umfassende Werkschau in Deutschland
Foto: Jürgen Pyschik

ZEITPUNKT - Wem die Gruppe Zero immer noch Vergnügen bereitet, der sollte in den nächsten Wochen den Weg in den Frankfurter Städel finden: Mit der ersten umfassenden Ausstellung zu dem italienischen Künstler Pietro Manzoni in Deutschland wird nicht nur dessen Werk gewürdigt sondern auch seine Vernetzung mit den Künstlern der Gruppe Zero aber auch der Gruppe CoBrA, den „Spatialisten“ um Lucio Fontana und schließlich der Gruppe Arte Nucleare verdeutlicht.

Der früh, im Alter von 29 Jahren, verstorbene Piero Manzoni (1933‒1963) gilt trotz seines kurzen Lebens als folgenreichster Künstler der italienischen Nachkriegskunst. Mit Arbeiten wie der Merdad’artista– (angeblich) 30 Gramm Künstlerscheiße in streng limitierter Auflage – oder dem Socle du monde (Sockel der Welt, 1961) – einem Sockel, der die Welt zum Kunstwerk erhebt – schuf Manzoni Ikonen der jüngeren Kunstgeschichte. Über 100 Werke aus allen Schaffensperioden ermöglichen in der Ausstellung einen komplexen Einblick in ein bis heute virulentes Werk zwischen Informel und dem Aufkommen eines neuen Kunstbegriffs, zwischen klassischer Moderne und Neoavantgarde, zwischen Kunst und Alltag. 

Die Ausstellung beginnt mit einem Vorraum, in dem an drei Beispielen aufgezeigt wird, wie Manzonis Schaffen auch aktuelle Künstler (Erwin Wurm (*1954), Leni Hoffmann (*1962) und Bernard Bazile (*1952)) beeinflusst. Der eigentliche Ausstellungsbereich beginnt mit einer Schau mit Frühwerken Piero Manzonis, die sich formal zwischen informellem Bildgrund und stark abstrahierter Figürlichkeit bewegen. Der Provokateur und Avantgardist agierte als Schnittstelle des internationalen ZERO-Netzwerks, sodass Manzonis frühe Arbeiten in der Schau gemeinsam mit ausgewählten Werken seiner Zeitgenossen, etwa Lucio Fontana, Alberto Burri oder Yves Klein, und ZERO-Künstlern wie Günther Uecker oder Heinz Mack präsentiert werden. 

Der Hauptraum der Präsentation gibt entlang der Wände eine chronologische Übersicht zu Manzonis „Achromes“, Werken, in den er auf die Nutzung von Farbe verzichtet und die Untergründe und Materialien entweder mit Kaolin und Gips behandelt oder in ihrer ursprünglichen Form z.B. als Kunstfaser nutzt. Zugleich erweiterte er sie mit Dingen des Alltags wie Brötchen oder Styropor um Körper und Raum. Im Zentrum des Raumes entfaltet sich eine zweite Ausstellungsebene, in der sich Manzonis Formen der frühen Aktions- und Konzeptkunst finden. Die Provokation seiner vielleicht bekanntesten Werkgruppe Merdad’artista(Künstlerscheiße, 1961) ist noch heute, fünf Jahrzehnte nach Manzonis Tod,ungebrochen: 30 Gramm Kot des Künstlers in streng limitierten handlichen Dosen, die angeblich im Kunsthandel zum Goldpreis verkauft wurden.

Die Werkgruppe kannals logische Konsequenz der früheren Kunstverzehraktionen gesehen werden: DerKünstlerkörper wird zum biologischen Medium der Kunstproduktion, und dasReadymade Duchamps findet sich in der menschlichen Biologie geerdet. Konsequenter weise wird dann der Körper des Künstlers aber auch der der Zuschauer zum Kunstobjekt. Indem der für diese Sockel produziert und bereitstellt, auf die man sich nur noch stellen muss um sich zum Kunstwerk zu transzendieren und zur lebenden Skulptur zu werden.

Den Bogen zur aktuellen Aneignung schlägt dann wieder Bernhard Bazile, dessen 1989 von ihm geöffnete Merdad’artistaManzonis in der Schau zu sehen ist, die er seither als sein eigenes Kunstwerk Boîteouverte de Piero Manzoni präsentiert Ausstellungsdauer: 26. Juni bis 22. September 2013 /PYK

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